Das Bergschaf

Aus einem Vortrag des Schafzüchters Andreas Neuner

Unser Bergschaf ist ursprünglich eine Mischung aus dem Steinschaf, dem Zockelschaf und dem Bergamaskerschaf. Es ist mittelgroß, mit einer Ramsnase, breiten, lang herabhängenden Ohren und einem langen Wollflies im C-D Charakter. Mutterschafe haben ein Lebendgewicht von ca. 60-90 kg und die Böcke bringen ausgewachsen 80-120 kg auf die Waage, wobei die Wolle pro Schur mit 3-4 kg ins Gewicht fällt.
 
Bergschafe werden sehr früh geschlechtsreif, d.h. mit ca. 5 Monaten können sie schon für Nachwuchs sorgen. Sie besitzen sehr gute Muttereigenschaften, die ja sehr wichtig sind auf den Bergen, wo viele Gefahren wie Fuchs und Adler auf die jungen Lämmer lauern. Ihr Brunftverhalten ist asaisonal und die Tragezeit beträgt ca. 150 Tage.
 
Das Bergschaf ist eine sehr fruchtbare Schafrasse und lammt grundsätzlich 2 x pro Jahr, wobei sich Einlings- und Zwillingsgeburten die Waage halten, aber auch Drillings- und Vierlingsgeburten vorkommen. Es ist sehr genügsam und ein guter Futterverwerter, es ist außerordentlich trittsicher und durch die lange dichte Wolle völlig unempfindlich bei jeglicher Witterung. Also ideal zur Almbewirtschaftung in höheren Lagen und oberhalb der Baumgrenze. Deshalb auch der Name Bergschaf.
 
Es gibt beim Bergschaf viele Verwertungsmöglichkeiten: - Bei den Lämmern und Jungschafen das Fleisch - Das Fleisch von älteren Schafen wird zu Schafwurst in jeglicher Form verarbeitet, von Kochsalami, Hartwurst, Kaminwurzen bis zu Leberkäse - das Fell wird gegerbt und dient meist zur Dekoration von Fußböden - die Wolle wird zu verschiedenen Schafwollprodukten, wie z. B. Strickwolle, Betten, Teppiche, Dämmmaterial verarbeitet. Die Schafwolle, für die man bis vor einigen Jahren nur 7-15 Cent pro kg bekommen hat, dafür aber 2,50 Euro pro Schaf für die Schur hat zahlen müssen, war mehr ein Abfallprodukt als ein Wertstoff. Sie erhält durch das Engagement von Luise Brandtner wieder einen höheren Stellenwert. Man bekommt jetzt bis zu 1 Euro für die Rückenwolle.
 
Haltung:
Der Raum Mittenwald ist sozusagen mit ca. 1600 vorhandenen Bergschafen die Hochburg der Bayerischen Bergschafhaltung. Wobei sich die Anzahl von 1600 aufteilt in ca. 500 Schafe, die im Sommerhalbjahr von der Weidegenossenschaft und ihrem Hirten betreut werden und 1.100 Schafen, die privat gehalten und behirtet werden. Wir haben im Raum Mittenwald ca. 70 Schafzüchter und die Anzahl der gehaltenen Bergschafe pro Schafzüchter beträgt zwischen 3 und 45 Schafe. Darüber hinaus gibt es im Raum Mittenwald 3 hauptberufliche Schafzüchter. Die Weidezeit beträgt in Mittenwald je nach Witterung zwischen 6 und 7 Monaten und den Rest des Jahres verbringen unsere Schafe im Stall.
 
Weidebetrieb:
Die interessanteste Form der Bergschafhaltung ist die Almbewirtschaftung. Unsere Bergschafe werden ca. Anfang bis Mitte Mai auf die ca. 600 ha große Vorweide am Fuße des Kranzbergs getrieben. Da werden sie an 7 Tagen der Woche von unserem Hirten betreut und in der Nacht in verschiedenen Pferchen eingezäunt. Mitte bis Ende Juni werden sie dann auf die Hauptweide am Karwendel getrieben, wo sie sich mehr oder minder frei bewegen können, unser Hirte aber auch jeden Tag nach dem rechten schaut und ihnen das Miat gibt. (Miat ist eine Mischung aus Salz und Weizenkleie).
 
Die Hauptweide umfasst ca. 3000 ha und ist per Vertrag zwischen Weidegenossenschaft und Oberster Forstdirektion geregelt, da unsere Bergschafe dort nicht weideberechtigt sind. Das Gebiet reicht vom Dammkar, Hochlandhütte, Tiefkar, Rehberg, Wörnersattel auf der Westseite des Karwendels bis zum Wörnerkar, Thomasalm, Hals und langen Wechsel auf der Nordseite des Karwendels. Die Hauptweide liegt bis auf das Gebiet um den Rehberg und Hochlandhütte ausnahmslos im hochalpinen Bereich und reicht von ca. 1500 m bis auf 2200 m hinauf. Mitte Juli werden dann ca. 200-250 Schafe für 3-4 Wochen auf die auf Tiroler Seite liegende Bärnalpe getrieben. Die Bärnalpe, nahe dem Karwendelhaus, ist ca. 300 ha groß und wird durch einen jährlichen Vertrag von den Coburgern zur Entlastung unserer Hauptweide gepachtet. Dieser Umtrieb erfolgt über den Gjaidsteig und ist ein Schauspiel, das seinesgleichen sucht. Der Gjaidsteig führt ca. 30 min. mitten durch eine Felswand zur Bärnalpe hinauf und ist sehr ausgesetzt. Bei einem Fehltritt stürzt man ca. 200 m ab. Unsere Schafe gehen aber diesen Steig im Gänsemarsch eines hinter dem anderen ohne Furcht und ohne zu drängeln und es ist bis auf das Jahr 1999, wo beim Rücktrieb 12 Schafe auf einmal abgestürzt sind, Gott sei Dank noch nie etwas passiert.

Auf der Hauptweide bleiben die Schafe bis zum Freitag vor dem zweiten Sonntag im September, wo sie dann von vielen Schafhaltern im ganzen Weidegebiet gesucht und oberhalb der Hochlandhütte zusammengetrieben werden. Der Abtrieb erfolgt dann am Samstag über die Dammkar-Skiabfahrt durch den Ort zum Schafstadl am Fuße des Kranzbergs oberhalb der Gröblalm. Am Sonntag, ein Feiertag für alle Schafhalter, erfolgt die Verteilung der Schafe an die einzelnen Züchter mit anschließender Prämierung der besten Bergschafe. Nach der Schafschur kommen die Schafe dann auf die Nachweide wieder am Fuße des Kranzbergs und auf die gemähten Felder im Buckelwiesengebiet, wo sie wieder ganztags von unserem Hirten betreut werden. Mitte Oktober, meistens um Kirchweih, wird dann der Weidebetrieb eingestellt und die meisten Schafzüchter halten ihre Schafe dann noch bis Anfang/Mitte November je nach Witterung auf ihren privaten Feldern.
 
Fütterung:
Während des Weidebetriebes ernährt sich das Bergschaf durch die Beweidung von Skiabfahrten, Schneeheide-Kiefernwälder und aufgelassenen Mähdern im Kranzberggebiet und durch die Beweidung von Hochalmen und Karen im Karwendelgebiet. Also ausschließlich von Gräsern und Kräutern, die dort wachsen. Im Winter werden unsere Schafe hauptsächlich mit Heu, erster und zweiter Schnitt, mit Grassilage und mit Wiesheu, das nur einmal und meist noch mit der Sense auf den umliegenden, bis auf 1400 m hoch gelegenen, oft extrem steilen und schwer zugänglichen Buckelwiesen gemäht wird, gefüttert.